Hans–Günter Kruppa

An der Schwelle des 3. Jahrtausends

Die 60er und 70er Jahre haben alle Schulen, nicht zuletzt das Gymnasium „In der Wüste“ entscheidend verändert: eine gewandelte Schülerschaft, die Einführung der Orientierungsstufe und die Koedukation, die immer wieder reformierte - deformierte (?) - gymnasiale Oberstufe, die Eingliederung in ein Schulzentrum und natürlich der neue Standort haben zusammen mit dem gesamtgesellschaftlichen Wandel und Rahmenbedingungen, die zunehmend von knappen Kassen und ideologischen statt pädagogischen Überlegungen bestimmt werden, für die Arbeit an der Schule eine völlig neue Situation geschaffen. 

Reformen

Die Reformen der 70er Jahre nach den 68er-Unruhen wurden von Teilen der Lehrerschaft als Aufbruch und Chance für die Gestaltung einer „repressionsfreien und demokratischen“ Schule begrüßt und vorangetrieben, von anderen Teilen als der Anfang vom Ende eines leistungsstarken, an der Studierfähigkeit ausgerichteten Gymnasiums empfunden und mit zurückhaltender Skepsis betrachtet. Die Divergenz in den Kollegien hier und andernorts zusammen mit einer im Gefolge der Studentenrevolte unruhigen und teilweise stark politisierten Schülerschaft schuf auch am Gymnasium „In der Wüste“ nicht immer nur produktive Unruhe und band vielfach Kräfte und Energie auf Kosten zielgerichteter unterrichtlicher Progression. 

Probleme 

Die 80er Jahre brachten der Schule dann ganz neue Erfahrungen und existenzielle Probleme. Waren früher die Schülerzahlen ständig gestiegen - bekanntlich wurde im Jahr 1961 das „Käthe-Kollwitz-Gymnasium“ zunächst als Außenstelle der hoffnungslos überfüllten Oberschule für Mädchen am Wall gegründet -, so kam es jetzt zu einem ständigen Rückgang der Zahlen, von ca. 950 im Jahr 1980 auf 420 im Jahr 1988. 

Profilbildung

Die Gründe dafür sind sicher sehr vielschichtig. Monokausale Erklärungsversuche sind dabei fehl am Platze. Der allgemeine Rückgang der Schülerzahlen („Pillenknick“) und die Gründung der neuen Gymnasien im Landkreis brachten auch anderen Gymnasien der Stadt vergleichbare Probleme. Das eben erwähnte Käthe-Kollwitz-Gymnasium mußte sogar zusammen mit einer Grund- und Realschule aufgrund eines Ratsbeschlusses von 1987 kurz nach seinem 25jährigen Jubiläum wieder geschlossen werden. Es hieße aber, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen, wenn man die geschwundene Akzeptanz der Schule bei der interessierten Öffentlichkeit in jenen Jahren nicht auch mit innerschulischen Vorgängen, die von außen sehr genau beobachtet wurden, in Verbindung brächte. „Schulranking“ durch die Elternschaft aufgrund von vermuteter Leistungsstärke an jenem Gymnasium oder geargwöhnter politischer Einseitigkeit an diesem war - wie alteingesessene Osnabrücker sehr gut wissen - in dieser Stadt schon immer besonders stark ausgeprägt und hat die Schulentwicklung beeinflußt. Trotz der zurückgegangenen Schülerzahlen war es dem Gymnasium „In der Wüste“ aber auch damals möglich, ein differenziertes Fach- und Kursangebot vorzuweisen, so daß die Schülerinnen und Schüler stets sehr gute Voraussetzungen für den Abiturabschluß vorfanden, in mancher Hinsicht sogar durch die Einrichtung notgedrungen kleinster Lerngruppen und Kurse vergleichbar bessere Arbeitsbedingungen hatten als an anderen Gymnasien. Die Schule hat diese Entwicklung aber auch als eine Herausforderung begriffen und entsprechend reagiert. Eine besondere Profilbildung sollte die Aufmerksamkeit der schulinteressierten Osnabrücker Öffentlichkeit auf die Leistungsfähigkeit des Gymnasiums“In der Wüste“ lenken. 

Musikzweig

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Schon im Jahr 1988 wurde hier der sogenannte „Musikzweig“ eingeführt, nach den guten Erfahrungen, die mit dem EMU, dem erweiterten Musikunterricht, gemacht worden waren. Ziel dieser nach den niedersächsischen Stundentafeln möglichen Einrichtung war es,durch Festlegung von Musik als 4stündigem Hauptfach in den Klassen 7 - 10 musikinteressierte und -begabte Schülerinnen und Schüler aus Osnabrück und Umgebung hier zu konzentrieren und damit auch die Grundlage für eine effiziente Arbeit im schulübergreifenden Leistungskurs Musik zu legen, der ebenfalls „In der Wüste“ angesiedelt ist. Diese Rechnung ist leider nicht aufgegangen. Nachdem es zunächst zwar dreimal gelungen war, Musikeingangsklassen mit hinreichend vielen Schülern einzurichten, ließ in der Folgezeit das Schüler- und Elterninteresse aber deutlich nach, so daß nur noch Kombinationsgruppen und später nicht einmal mehr diese möglich waren und man jetzt sagen muß, daß das Experiment gescheitert ist. Übriggeblieben ist allerdings der Leistungskurs Musik in der Oberstufe, der von Schülerinnen und Schülern aller Osnabrücker Gymnasien besucht werden kann. Trotz ungünstiger Voraussetzungen - es fehlte vor allem ein spielfähiges Orchester - ist es durch das Engagement der Lehrkräfte und der beteiligten Schülerinnen und Schüler immer wieder zu bemerkenswerten musikalischen Aufführungen (1990, “Mann im Mond“; 1991, „Songs on Stage“; 1993, “Gärtnerin aus Liebe“) und Konzerten gekommen.

Bilingualer deutsch-französicher Unterricht

Das zweite Profil des Gymnasiums „In der Wüste“ ist auf der Grundlage des grundständigen Französisch erwachsen, das in der zugeordneten Orientierungsstufe schon seit 1985 angeboten wird. Im Jahr 1990 wurde der Antrag des Gymnasiums „In der Wüste“ auf Einrichtung eines bilingualen deutsch-französischen Zuges genehmigt. Seit dieser Zeit können Schülerinnen und Schüler mit Französisch als erster Fremdsprache ab Klasse 7 am Unterricht inden Fächern Erdkunde und - in den Klassen 8und 9 zusätzlich - Geschichte in französischer Sprache teilnehmen und Erdkunde auch als bilinguales Prüfungsfach im Abitur wählen. Dieser Unterricht vermittelt aufgrund der nahezu doppelten Stundenanteile im Vergleich zu dem üblichen Französischunterricht eine weitaus größere fremdsprachliche Kompetenz und ist daher im Zeitalter des vereinten Europa von unschätzbarer Bedeutung. Das Gymnasium „In der Wüste“ betritt damit nicht nur innerschulisches Neuland, sondern ist im Bereich Französisch Vorreiter in ganz Niedersachsen. So naheliegend es sein könnte, den Schwerpunkt Französisch bzw. Neuere Fremdsprachen als Fortsetzung des neusprachlichen Zweiges des alten Mädchengymnasiums anzusehen, so unzutreffend ist diese Annahme letztlich doch. Der bilinguale Sachunterricht ist von einer ganz anderen Qualität als der übliche Fremdsprachenunterricht, er befähigt die Schüler zu Kommunikationsfähigkeit in der Fremdsprache, die der in der Muttersprache sehr nahe kommt. Durch diesen hohen Anspruch setzt er allerdings auch eine besondere Arbeitshaltung, Fleiß und Durchhaltevermögen voraus, wie die beteiligten Schüler und Lehrkräfte immer wieder bestätigen. Dieser Zug befindet sich auf gutem Weg, und es ist zu hoffen, daß das Interesse innerhalb der Elternschaft für Französisch als erste Fremdsprache noch weiter zunimmt, damit immer hinreichend große Lerngruppen im bilingualen Sachunterricht gebildet werden können. 

Konsolidierung

Nach krisenhaften Jahren befindet sich das Gymnasium „In der Wüste“ wieder in einer Phase der Konsolidierung. Die Schülerzahlen sind von 420 im Jahr 1988 wieder auf 620 im Jubiläumsjahr 1998 gestiegen. Florierende Austauschaktivitäten besonders mit Angers (Frankreich), aber auch mit Derby (England) und Haarlem (Niederlande) zeigen, daß die Idee eines vereinten Europashier schon Wirklichkeit geworden ist. Durch den Austausch mit den USA, früher Cincinnati / Ohio, jetzt Fridley / Minnesota werden die Grenzen noch weiter gesteckt. Zunehmend verbringen auch Schülerinnen und Schüler dieser Schule einige Monate oder gar ein ganzes Jahr im europäischen oder außereuropäischen Ausland, in England, Frankreich, Australien, Brasilien, Chile, Ecuador, Japan und den USA. Schüler aus diesen Ländern oder auch aus Rußland oder Südafrika sind für einen vergleichbaren Zeitraum zu Gast an dieser Schule. 

In der „Wüste“ verwurzelt 

Daß das Verhältnis zu den andern Schulen am Standort Wüste ausgesprochen gut ist, darf auch an dieser Stelle sehr wohl betont werden. Die pragmatische, am Schülerinteresse orientierte Kooperation wird bei einvernehmlicher Wahrung der Eigenständigkeit von allen Schulformen vor Ort gepflegt und weiter ausgebaut. Die Zusammenarbeit mit dem benachbarten Osnabrücker Sport Club (OSC) hat sich gerade in letzter Zeit in bemerkenswerter und erfreulicher Weise entwickelt. Schon seit Jahren sind natürlich viele Schülerinnen und Schüler unseres Gymnasiums Mitglieder beim quasi „Hausverein“ OSC und haben dort in den unterschiedlichsten Abteilungen ihre Erfolge erzielt. Im Interesse der guten nachbarschaftlichen Beziehungen ist die Schule diesen Sportlern, wenn es vertretbar war, bei Unterrichtsbefreiungen zur Teilnahme an Sportveranstaltungen immer entgegen gekommen, wie natürlich auch den Mitgliedern anderer Vereine oder des Konservatoriums. Seit zwei Jahren hat die Zusammenarbeit mit dem OSC im Bereich des Mädchenbasketballs aber eine neue und besondere Qualität erhalten. Praktisch die komplette Basketballmannschaft der Juniorinnen (13- 16 Jahre) besteht aus Schülerinnen unserer Schule. Diese Mannschaft wird vom OSC auch als Schulmannschaft trainiert und mit Unterstützung unserer Fachgruppe Sport betreut. Sie hat auf diese Weise auf Landes- und auch auf Bundesebene schon große Erfolge für das Gymnasium „In der Wüste“ erzielt und sich als exzellenter Werbeträger erwiesen. Wir freuen uns sehr darüber und sind davon überzeugt, daß dieses Zusammenspiel als ein Musterbeispiel von Kooperation zwischen Schule und Verein, wie sie vom Kultusminister gefördert und auch andernorts betrieben wird, angesehen werden kann.Ausgesprochen positiv und deshalb erwähnenswert ist auch das Verhältnis zu den benachbarten Kirchen, besonders zur evangelischen Bonnus-Gemeinde. Seit vielen Jahren sind die Schulen „In der Wüste“ (Orientierungsstufe, Realschule und Gymnasium) mit ihrer Adventsmusik zu Gast in der Bonnuskirche. Die Gemeinde hat stets bereitwillig ihre Kirchenräume für diese Feier zur Verfügung gestellt. Ökumenische Gottesdienste - in der Weihnachtszeit oder auch im Rahmen der Abiturfeiern - , die zunehmend von der Schülerschaft, dem Kollegium und der Elternschaft angenommen werden, sind ebenfalls seit längerer Zeit zu einer festen Institution geworden, z.T. unter Mitwirkung des Pastors der Gemeinde oder auch des Pfarrers der benachbarten katholischen Elisabethkirche. 

Zusätzliche Profilierung

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Seit einiger Zeit wird am Gymnasium „In der Wüste“ über eine zusätzliche Profilierung nachgedacht und auch schon dafür geplant. Das hat weniger mit der vom Kultusminister angekündigten Verpflichtung der einzelnen Schulen zur Erstellung eines Schulprogrammszu tun - das beste Programm ist sicherlich die Gewährleistung und Durchführung von qualifiziertem Unterricht -, sondern eher mit der ausgezeichneten Arbeit der Umweltgruppe vor Ort. Unter Anleitung des Ehepaares Hammer haben die Mitglieder dieser Gruppe seit Jahren intensive und engagierte Forschungsarbeit im Bereich der biologisch-chemischen Gewässeruntersuchung in den Ortsteilen Wüste und Hellern geleistet und dafür immer wieder Preise auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene gewonnen, zuletzt beim Fernsehsender VOX im Juli 1997. Auf der Grundlage dieser Vorarbeit haben vor allem die Vertreter der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fachgruppen aber auch die des Aufgabenfeldes B (Erdkunde, Gemeinschaftskunde, Religion) Überlegungen angestellt, in welcher Weise die gesamte Schule ökologische Themen mehr als in allgemein üblichen Projektwochen oder Unterrichtseinheiten aufnehmen und ein „Umdenken durch Handeln“ in der gesamten Schülerschaft fördern könnte. Begünstigt wurden diese Pläne durch die Möglichkeit, sich mit einem solchen Rahmenthema als EXPO-Modellversuchsschule zu bewerben, die bei der Weltausstellung im Jahr 2000 ihre Ideen und Projekte vorstellen kann.

In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule in Osnabrück-Haste wird sich die Schule in den verschiedensten Fächern dem Schwerpunkt „Boden“ widmen und im pädagogischen Bereich das ergänzen, was FH, Stadt und Landkreis Osnabrück in dieser Hinsicht entwickeln. Die Gesamtkonferenz hat zunächst deutliche Bedenken wegen der Komplexität der Aufgabe und der bisher noch kaum kalkulierbaren Folgeverpflichtungen artikuliert, diesem Unternehmen schließlich aber grundsätzlich zugestimmt. Auch der Schulträger ist bereit, die Pläne des Gymnasiums „In der Wüste“ ideell und materiell zu unterstützen. Dennoch wird noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden müssen, damit alle im Bereich der Schule von dem gleichen Enthusiasmus getragen werden wie die Mitglieder des Vorbereitungsausschusses und Sponsoren gefunden werden, die zusätzliche finanzielle Hilfe geben.

Die im November 1997 getroffene Entscheidung der Auswahlkommission und des Kultusministers, das Gymnasium „In der Wüste“ als einziges Gymnasium im Bezirk Weser-Ems in den Kreis der EXPO - 2000 - Schulen aufzunehmen und ihm die entsprechende Zertifikation zu erteilen, hat die Schule mit großer Freude und Genugtuung erfüllt. „Der Boden unter unseren Füßen - die Welt, auf der wir stehen“, so heißt das Projekt, das das Gymnasium „In der Wüste“ als Beitrag zur EXPO 2000 anbietet. Trotz aller Unwägbarkeiten ist das Vorhaben für die Schule eine große Chance. Es geht dabei nicht darum, den für die gymnasiale Arbeit charakteristischen, streng fachlich orientierten Unterricht aufzuweichen, sondern darum, unterschiedliche Fächer in eine gemeinsame Aufgabenstellung einzubinden. Hier sind dann nicht nur - wie es auf den ersten Blick scheinen mag - die Fächer der Aufgabenfelder C und B gefordert, sondern in besonderer Weise auch die Fremdsprachen. Der für diese Schule traditionelle sprachliche Schwerpunkt ist somit in seiner Wichtigkeit keineswegs gemindert, wie bei der Diskussion teilweise befürchtet wurde, im Gegenteil: Die Fremdsprachen und besonders die Bilingualität im Sachfach Erdkunde ermöglichen in hervorragender Weise den fächerverbindenden Brückenschlag im Rahmen des avisierten Projektes und schaffen die Voraussetzungen dafür, auch die zahlreichen ausländischen Partnerschulen direkt oder durch Internet und Telekommunikation einzubinden. Vorgespräche vor Ort wurden bereits geführt, die Grundlage für eine erfolgreiche internationale Zusammenarbeit ist somit geschaffen.

 

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