Mein Name ist Daigoro Pellegrini und ich habe das Schuljahr 2020/2021 an einer Schule in Mailand verbracht. Zum Glück bin ich zweisprachig aufgewachsen und hatte also keine Probleme mit der Sprache, aber auch mit dieser Voraussetzung war das Jahr für mich eine Herausforderung.

Im Hinblick auf viele Aspekte ist das italienische Schulsystem anders als das Deutsche, nicht immer im positiven Sinne: Während in Deutschland Schulen gut ausgestattet und organisiert sind, findet man in italienischen Schulen kaum ein Klavier für den Musikunterricht, geschweige denn Räume und Apparaturen für den Physik-, Chemie- und Biologieunterricht. Demzufolge werden diese Fächer ohne experimentelle Teile unterrichtet und sie verschmelzen zum Fach „Naturwissenschaften“. Sie werden also nicht annähernd so gut unterrichtet, wie es am Gymnasium "In der Wüste" der Fall ist.

Ein anderer Unterschied ist, dass man in Italien jederzeit mündlich abgefragt werden kann, auch mehrmals am Tag. Die Antworten, die man dann gibt oder nicht gibt, werden benotet und haben den gleichen Wert wie eine Klassenarbeitsnote. Auch der coronabedingte Onlineunterricht wurde entsprechend dem normalen Stundenplan abgehalten, d.h. mit sechs Unterrichtsstunden pro Tag. Eine Unterrichtsstunde dauerte 60 min, zwischen den Stunden gab es keine Fünfminutenpausen, die „großen“ Pausen dauerten 10 min, man durfte in den Pausen das Klassenzimmer nicht verlassen. Die Klassen waren mit 22-23 Schülern kleiner als in Deutschland.

Besonders ausgiebig wurden in der Schule, die ich letztes Jahr besucht habe, Geschichte, italienische Literatur und Geografie unterrichtet: Zweimal pro Woche kam die Lehrerin und brachte uns ein bis zwei Stunden lang Daten und Fakten bei und die Ergebnisse waren dementsprechend: In einem Schuljahr haben wir alle Länder der Dritten Welt und Amerika studiert, in Geschichte sind wir von der Belle Époque bis heute Jahr für Jahr durchgegangen und haben die wichtigsten Autoren dieser Zeit und deren Texte analysiert, dies geprägt von vielen Schreibübungen und Aufsätzen. Es war sehr intensiv, denn oft mussten wir bis zu 15 Seiten Inhalt pro Fach als Hausaufgabe lernen und wurden schon am nächsten Tag abgefragt. Der Höhepunkt des Jahres war (natürlich) die letzte Woche, doch während man in Deutschland den Klausurenstress hinter sich hat und auf die Zeugnisse vorausschauen kann, ist das in Italien nicht so: Eine Woche nach Unterrichtsschluss ist noch eine Prüfung zu bestehen, die nicht nur die Zeugnisnoten bestimmt, sondern auch einen wichtigen Absatz im eigenen Curriculum besetzt. Insbesondere für mich war diese letzte Woche schwer, denn nach einem Jahr Vorbereitung konnte ich endlich einen Traum in Erfüllung gehen lassen: Mit dem Chor der Mailänder Scala durfte ich erstmals auftreten, im Dom von Varese, einer Stadt in der Lombardei. Ein großer Erfolg, der aber auch viel Zeit und Engagement in Anspruch genommen hat.

Dieses Jahr in Mailand war eine sehr wichtige Erfahrung für mich, und ich freue mich schon auf dieses neue Schuljahr. Ich werde es wieder in Mailand verbringen, doch diesmal in einer anderen Schule: Nach dem dritten Schuljahr in einer Mittelschule kommt man in Italien auf eine weiterführende Schule, für mich ist sie das klassich-humanistische Gymnasium, mit dem Schwerpunkt auf Griechisch und Latein.

Daigoro Pellegrini