„Richtet eure Wirbelsäule auf. Ihr seid eine Verbindung zwischen Himmel und Erde. Einatmen. Spürt die Frische und Klarheit der Luft. Ausatmen. Spürt die Wärme beim Ausatmen.“ Imke Herder spricht langsam und klar zu ihren Schülerinnen. Sie praktiziert eine Meditation mit ihnen. Aber sie ist kein Guru, sondern Lehrerin am Gymnasium „In der Wüste“.

Manche Zeitgenossen verbannen Dinge wie Meditation oder Achtsamkeit ins Reich der Esoterik. Am Gymnasium „In der Wüste“ ist es in diesem Schuljahr ein Projekt. Die Biologie- und Deutsch-Lehrerin Imke Herder hat bei einer Testphase im vergangenen Jahr positive Effekte dadurch erzielt. Davon berichten auch Schülerinnen.

Konzept des Bruttonationalglücks

Aufgrund der besonderen Nähe zu den Schülern sei die Achtsamkeit Anfang 2019 ins Leitbild der Schule aufgenommen worden, sagt Schulleiter Nils Fischer. Dementsprechend leitete Imke Herder im vergangenen Schuljahr eine elfte Klasse in der Meditation und Achtsamkeitsübungen an. Anne Altemöller, Lisa Pohlmann und Klara Schulz berichten, dass etwa die Hälfte ihrer Klasse dem Ansinnen skeptisch gegenüberstand. Irgendwann hätten aber auch die Skeptiker gemerkt, dass alle davon profitieren, wenn es im Klassenraum ruhig ist. Die drei Schülerinnen sagen, sie seien konzentrierter und entspannter im Unterricht gewesen. Auch ihre Laune habe sich gebessert. „Und es war etwas, das wir als Klasse gemeinsam hatten“, sagt Klara Schulz.

Imke Herder praktiziert seit 16 Jahren Zen-Meditation. An der Hochschule Osnabrück hat die Buddhistin den Zertifikatskurs „Die Gestaltungskraft des Glücks – Mit dem Konzept ,Gross National Happiness‘ Führungsprozesse verändern“ absolviert. In dem vor wenigen Tagen begonnenen Schuljahr bietet sie das Projekt „Glück? Sein!“ für den elften Jahrgang an. Darin lernen Schülerinnen und Schüler Meditation und das Konzept des Bruttonationalglücks kennen, das aus dem südasiatische Königreich Bhutan stammt. Dabei geht es im Groben darum, das Wohlbefinden und den Lebensstandard eines Volks nicht am Einkommen, sondern am Maß der persönlichen Zufriedenheit und des Glücks zu definieren.

Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein

Die Schülerinnen und Schülern lernen nun sich selbst kennen, ihren Körper, ihr Fühlen, ihr Denken und ihr Handeln zu bewerten und in der Gegenwart zu leben. „Und sie lernen, zu sich selbst freundlich zu sein“, sagt die 52-jährige Imke Herder. Oftmals würden negative Gedanken das Handeln oder Aussagen bestimmen.

Eine Schule im bayrischen Eschenbach hat laut einem Bericht des Bayrischen Rundfunks ebenfalls gute Erfahrungen mit Mediation gesammelt. Dort haben die Schülerinnen und Schüler neben einer inneren Ruhe und der Konzentrationsfähigkeit auch mehr Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein erhalten, heißt es in dem Bericht. Ein Schüler berichtete zudem, die Meditation habe ihm geholfen, depressive Phasen zu überwinden.

Mit Mediation durch den Lockdown

Während des Corona-Lockdowns hätten sie durch die Meditation während Video-Konferenzen die Isolation besser überstanden, sagen Anne Altemöller, Lisa Pohlmann und Klara Schulz sowie Imke Herder übereinstimmend. „Während dieser Zeit war es das Schlimmste, dass sich die Gemeinschaft aufgelöst hat“, sagt Imke Herder. Lisa Pohlmann sagt: „Durch die gemeinsame Meditation war ich in der Corona-Zeit weniger gestresst und entspannter.“

Text: Thomas Wübker
Bild: David Ebener

Quelle: https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/2114157/meditations-projekt-am-gymnasium-in-der-wueste-sorgt-fuer-entspannung