„Herzlichen Dank Ihnen und allen Schülern nochmal und auch für die Karte mit allen ihren Namen. Diese 'Schulstunde' war für mich eine ganz besondere Erfahrung.“ (Edith Hackert)

06 Zeitzeugengespraech 07Zeitzeugengespräch mit Frau Edith Hackert zum Thema Flucht und Vertreibung am Kriegsende 1944/45

Einen ganz besonderen und willkommenen Besuch bekam der Geschichtskurs GE12 am 22. Juni, dem letzten Freitag vor den Sommerferien. Passend zum Thema „Flucht und Vertreibung im Umfeld des Zweiten Weltkrieges“ besuchte uns die 90-jährige Frau Edith Hackert aus Hellern, um von ihren eigenen Erlebnissen in ihrer Heimat Ostpreußen, im „Reichsgau Wartheland“, von der Flucht in mehreren Etappen und auch von ihren Erfahrungen in der „neuen Heimat“ in Westdeutschland zu erzählen.

Ließ das Vorgespräch schon spannende zwei Stunden erwarten, so hat Frau Hackert mit ihrem spannenden, frei vorgetragenen, oft humorvollen, immer packenden Bericht alle Erwartungen noch weit übertroffen. „Ja, interessiert das denn die Schüler überhaupt?“, fragte sie immer wieder. Oh ja, das hat sie sehr interessiert! Davon zeugen nicht nur über 90 Minuten andächtige Stille und danach noch zahlreiche, sehr verständige und empathische Nachfragen, sondern auch diese Auswahl von Schülerzitaten danach:

 „Ich fand den Zeitzeuginnenbericht sehr interessant und es hat mir Spaß gemacht zuzuhören. Es ist einfach nochmal was anderes eine „Live-Erzählung“ von jemandem zu hören, der es miterlebt hat, als es nur in Quellen zu lesen.“

„Der Zeitzeuginnenbericht war sehr interessant und aufschlussreich. Vor allem weil wir aus erster Hand Informationen bekommen haben, an die man sonst heutzutage nur noch schwer kommt. Dadurch haben wir viele lebendige Eindrücke aus der Zeit bekommen, die unser derzeitiges Thema verständlicher gemacht haben und damit auch sehr bereichert haben.“

„Ich hatte mir eigentlich gar nicht so viel erwartet, doch ich hätte nicht gedacht, dass die Leute damals so viele Gefahren überstehen mussten und so viel verloren haben. Und doch haben sie immer weitergemacht. Das ist mir erst jetzt richtig klar geworden.“

„Ich fand es krass, was die Zeitzeugin schon alles erlebt hat, als sie in unserem Alter war. Da merkt man erst noch einmal richtig, wie gut es uns geht und wie sicher wir heute leben können.“

Frau Hackert, geboren 1928, stammt gebürtig aus aus Lasken (heute Młynik), Kreis Sensburg (heute Mrągowo) in Masuren, Ostpreußen, wo ihr Vater Brunnenbauer war. Sie besuchte dann die Handelsschule in Allenstein (heute Olsztyn), wohingegen ihr Onkel als Zöllner an der holländischen Grenze während des Krieges zur „Germanisierung“ des „Warthegaus“ nach Kalisz (im „Reichsgau Wartheland“) versetzt wurde. Von einem längeren Besuch dort konnte Frau Hackert dann nicht mehr nach Hause zurückfahren, weil der benötigte Bahnberechtigungsschein fehlte, also musste sie im Warthegau bleiben. Dort wurde sie dann vom Arbeitsamt zu einer Arbeit bei den Stadtwerken verpflichtet, als sich die Lage Ende 1944 / Anfang 1945 bereits immer mehr zuspitzte: Die Ostfront rückte näher und näher und die Menschen begannen ringsum, sich auf eine Flucht gen Westen vorzubereiten.

Nachdem der Onkel als Soldat an die Front gezwungen worden war, warteten Frau Hackert, ihre Tante und deren Tochter auf gepackten Koffern auf die vom Roten Kreuz versprochene Evakuierung, die am Ende gar nicht kommen sollte. Eines Morgens war das Büro verlassen und verwaist. Frau Hackert selbst hätte auch mit einem Bus der Stadtwerke mitfahren können, dort hätte es aber keinen Platz mehr für ihre Tante und Cousine gegeben, sodass sie dieses Angebot ausschlug. 

Ende Januar waren also alle Busse weg, das Rote Kreuz verschwunden und am Bahnhof fuhren die - sowieso hoffnungslos überfüllten - Züge Richtung Westen eigentlich nur noch durch, ohne zu halten. Da war es geradezu ein Glücksfall, dass sich eine in Kalisz kampierende Wehrmachtseinheit unserer kleinen Familie annahm und deren Transport über LKW und Güterzüge organisierte. Immer wieder unterbrochen von Zwischenstopps, Fahrzeugwechseln sowie vielen großen und kleinen „Abenteuern“ und Begegnungen bei durchgängig zweistelligen Minustemperaturen gelangten die Drei am Ende schließlich bis nach Niederschlema im Erzgebirge, wo sie eine Weile einquartiert wurden und bleiben konnten. Dort gelang es ihnen nicht nur, die kargen Lebensmittelrationen mit „Otterzungen“ und Brennnesseln aufzubessern, sie schreiben auch Briefe an die bekannte Adresse einer Tante in Berlin, um so etwas wie ein Netzwerk zu erhalten, damit jeder so viel wie möglich von den anderen erfahren konnte. Sogar der Onkel fand nach einer wahren Robinsonade den Weg zur Familie nach Niederschlema. Aber auch dort wollte man schließlich aufgrund der immer näher rückenden Roten Armee nicht bleiben, der vorläufige Zielpunkt der neuen Flucht wurde dann Uelzen in der Lüneburger Heide.

Vieles konnte Frau Hackert noch berichten: Wie ihre Brüder überlebt haben, wie ihre Eltern eine weitaus beschwerlichere Flucht durchgestanden und dabei sogar dem Unglück der „Wilhelm Gustloff“ entrannen, wie weit sich oft die Flüchtlingstreks am Horizont hinzogen, von auseinandergerissenen Paaren, Unglück, aber auch eher netten Details. Ihren faktenreichen und detaillierten, mit persönlichen und auch emotionalen Erlebnissen, Eindrücken, Erfahrungen angereicherten Bericht rundete sie schließlich noch ab mit dem Wiedersehen der Familie in Uelzen, wo sie sesshaft wurde, sich eine neue Existenz aufbaute und sich gelegentlich auch mit dem Widerstand der dortigen Einheimischen konfrontiert sah. All dies würde ja schon für ein ganzes Leben reichen, möchte man meinen, doch für Frau Hackert fing dieses eigentlich dann erst richtig an: Heirat, Umzug und schließlich Hausbau und Familie in Osnabrück ab Ende der fünfziger Jahre, also auch vor nunmehr schon wieder 60 Jahren!

Der Kurs gab sich alle Mühe, es den Gästen so angenehm wie möglich zu machen. Zwei Kuchen wurden gebacken, alle waren pünktlich, es herrschte eine freundliche, sehr angenehme Atmosphäre, zu der auch Frau Hackert und ihre begleitende Tochter mit süßen Mitbringseln, tollen Originalfotos und Dokumenten aus damaliger Zeit beitrugen.

Für den Kurs waren diese zwei Schulstunden ein anderer, vor allem spannender Zugang zum Geschichtsunterricht. Zeitzeugengespräche ermöglichen es Schülerinnen und Schülern fernab von Geschichtsbüchern und nicht immer leicht verständlichen Quellen einen Einblick in die Alltagsgeschichte von Menschen zu erhalten, der im klassischen Geschichtsunterricht oftmals schwer zu vermitteln ist. So waren die Lerngruppe und die Gäste aus aus einem anderen Kurs tief beeindruckt von dieser so bewegend dargebotenen Geschichte von Flucht und Vertreibung und verbuchten diesen Tag als tolle Erfahrung, während der Autor bis heute noch grübelt, ob Frau Hackert allen Gegenbeteuerungen zum Trotz ihren Vortrag nicht heimlich doch vorbereitet hat, denn er war zeitlich perfekt getimed, chronologisch nachvollziehbar und spannungstechnisch einfach „rund“, eine Leistung, die ja nun wirklich nicht so leicht zu erbringen ist und für die wir uns hiermit noch einmal herzlich bedanken. Einer Wiederholung steht von uns aus wirklich nichts im Wege!

Thomas Allewelt